Die Bundes­präsidentschafts­wahl im Internet

Benjamin Greenberg

Abgegebene Stimmen am Wahltag sind für KandidatInnen/Parteien das erfolgreich verkaufte Produkt einer Firma. Jegliche Online-Aktivität muss somit der Stimmenmaximierung am Wahltag dienen. So schön eine Website auch gestaltet ist, relevant ist das „get-out-the-vote“ in den letzten Tagen vor der Wahl. Das Geheimnis: sammle Kontakte, kenne deine Kontakte und sprich sie persönlich an. Und dabei können Online-Kampagnen den entscheidenden Beitrag leisten. Drei Monate vor der Bundespräsidentschaftswahl haben wir uns angesehen, wie es um den Webauftritt der einzelnen KandidatInnen momentan steht.

Websites

Von den derzeit bekannten 15 KandidatInnen, die kandidieren wollen und sich momentan um die erforderlichen 6.000 Unterstützungserklärungen bemühen, haben zehn eine eigene Website: Andreas Khol, Alexander Van der Bellen, Irmgard Griss, Rudolf Hundstorfer, Norbert Hofer, Robert Marschall, Adrien Luxemburg, Martin Wabl, Karin Kolland und Gustav Jobstmann. In unserer Recherche haben wir uns auf die fünf medial präsentesten KandidatInnen Khol, Vdb, Griss, Hundstorfer und Hofer konzentriert.

Die Websites von Khol, VdB, Griss und Hundstorfer verfügen über wenig Content, die Sammlung von Unterstützern steht (noch) im Vordergrund. Tatsächlich werden auf allen vier KandidatInnenseiten nur die jeweiligen KandidatInnenpräsentationen via YouTube Video zum Transport von Inhalten genutzt.
Der Kandidat der FPÖ, Norbert Hofer, verfügt zwar inzwischen über eine Website, diese ist jedoch nur mit einem Bild gefüllt, das auf einen Artikel über Hofer auf fpoe.at verlinkt ist. Nicht nur der Content lässt zu wünschen übrig, auch die technische Ausführung: gibt man http://norberthofer.at (ohne www) ein, erscheint eine 503er Fehlermeldung. Außerdem steht im Title Tag mit www.nh.at auch noch eine Adresse, die es gar nicht gibt. Insgesamt ein unprofessionell wirkender Webauftritt, was angesichts der eher jungen Wählerschaft der FPÖ überrascht.

Die Domain www.norbert-hofer.at wurde der FPÖ übrigens weggeschnappt. Dort steht jetzt ein konfuser Luftballonverkäufer vor der Türe.

Community Building

Generell treiben zwei grundlegende Motive Menschen dazu, einzelne KandidatInnen zu unterstützen: wichtig erscheinende Inhalte oder das Gefühl, bei einer „Bewegung“ dabei zu sein. Werden auf der Website also weniger Inhalte transportiert, ist das Communitybuilding umso wichtiger. Alle vier KandidatInnen versuchen dies per Anmeldung zum Newsletter, zur Mitarbeit, zum Unterschriftensammeln, zum Flugzettelverteilen. So wird eine Differenzierung der möglichen Unterstützertypen versucht, die Menschen sollen bei dem abgeholt werden, was sie zu geben bereit sind.

Doch auch zielgruppenorientierte Newsletter leben von Content, besonders von Geschichten. Idealerweise werden rund um die einzelnen KandidatInnen Stories erzählt, welche die unterschiedlichen Bedürfnisse der Adressaten ansprechen.

Auf Communitybuilding richtiggehend ausgerichtet ist die Website Alexander Van der Bellens: das Wording richtet sich vom Personenkomitee direkt an den Unterstützer:„Werden Sie Teil der Bewegung“. Ebenso leicht kann man „etwas beitragen“, nämlich per one-click für den Kandidaten spenden. Komplizierter gestaltet sich beispielsweise die Spendensammlung auf der Website Irmgard Griss’, die lediglich IBAN und BIC angibt.

Social Media

Alle fünf KandidatInnen sind auf unterschiedlichen Social Media Kanälen aktiv, Khol, VdB und Griss verlinken diese direkt über ihre Websites. KeineR der KandidatInnen bindet Twitter/Facebook aktiv ein, was die Websites statischer und tagespolitisch weniger aktuell erscheinen lässt.

Van der Bellen liegt auf allen Social Media Kanälen klar vorne: sein YouTube Video wurde ca doppelt (100.800) so oft angeklickt, wie jenes Andreas Khols und Rudolf Hundstorfers, Schlusslicht ist das Video Norbert Hofers mit ca 5.500 Views. Auch bei Twitter und Facebook liegt VdB eindeutig in Führung mit in etwas dreimal mehr Followern/Likes (46.300 Likes) als Andreas Khol. Verglichen jedoch mit dem Profil HC Straches (316.200 Likes) hinken alle KandidatInnen frappant hinterher. Rudolf Hundstorfer verwendet (noch) keine Social Media Kanäle, Norbert Hofer führt einen Twitter Account und, circa seit September 2015, als Dritter Präsident des Nationalrats (nicht als Kandidat) auch eine Facebookseite.
Während VdB und Griss getreu ihrem Auftreten als „unabhängige“ KandidatInnen, bei ihren Facebookauftritten Veranstaltungsbilder posten, ist die Parteinähe bei Khol ersichtlicher, der auf Fotos aus ÖVP Sitzungen zurückgreift.

Für eine erfolgreiche Stimmabgabe sind jedoch „Likes“ nicht genug. Wichtiger sind zwei Aspekte: werden die Inhalte von den bestehenden Unterstützern geteilt und so die Reichweite der Post vergrößert und, vor allem, gelingt in den Tagen unmittelbar vor der Wahl die persönliche und zielgruppenorientierte Ansprache der User.

Follower in Wähler umwandeln

Am niederschwelligsten präsentiert sich die Websites VdB, das Wording zielt eindeutig auf den Aufbau einer Bewegung ab. Ist diese virtuell einmal geschaffen, besteht die – wenn auch sehr aufwendige – Möglichkeit, sie in die Realität umzusetzen. Dies ist jedoch für „Kaderparteien“ wesentlich wichtiger als für „unabhängige“ Kandidaten bei einer Persönlichkeitswahl. Nach dem Prozess der Datensammlung wird der richtige Umgang mit dem wichtigen Medium „Newsletter“ für das finale „get-out-the-vote“ ausschlaggebend sein: Können die Inhalte an die definierten Zielgruppen angepasst werden? Konnten genügend Daten gesammelt werden, um die User zielgruppenorientiert persönlich (telefonisch, postalisch) zu erreichen?

Fazit

Verglichen mit dem US-amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf hinken die Webauftritte der österreichischen KandidatInnen merkbar hinterher. Weder Modernität noch Attraktivität der Seiten spiegeln die aktuellen technischen Möglichkeiten wider. Einzig VdB scheint auf verstärkte Online-Präsenz zu setzen, bei allen anderen KandidatInnen dürften die Prioritäten anders gesetzt werden. Insgesamt scheinen die Möglichkeiten von Online-Kampagnen bei weitem nicht ausgenutzt zu werden – eine betrübliche Tatsache, die sich hoffentlich im Laufe des Wahlkampfes noch ändern wird! Wir sind jedenfalls gespannt, wie sich die Kampagnen der einzelnen KandidatInnen entwickeln werden und wer schlussendlich die meisten Likes und Newsletterempfänger in Wählerstimmen umwandeln können wird.